Titel Oktober 2019 Reiter-KurierAlte Pferde sind ein Glücksgriff!

Sprecht nicht über die Defizite! Werdet euch darüber klar, was für eine Menge Vorteile ihr mit einem älteren Pferd habt!

Älter werden gehört zum Leben. Wir neigen leider dazu, in dem Zusammenhang immer nur von Defiziten zu sprechen. Negative Begleiterscheinungen bringt das Alter nun mal mit. Bei Pferden ist in diesem Zusammenhang immer die Rede von Krankheiten, Kosten für Tierarzt und Zusatzfutter, vom erhöhten Pflegebedarf. Obwohl das bei jüngeren Pferden genauso zutreffen kann. Es ist an der Zeit, klarzustellen, dass ältere Pferde viele Vorteile mit sich bringen. Ja, Pferdesenioren können regelrecht ein Segen sein!

Ein Pferd, das schon viele Jahre unterm Sattel geht, ist zum Reiten sehr angenehm. Gut ausgebildete Pferde stehen an den Hilfen, wissen, was sie zu tun und leisten haben. Außerdem ist es für den Besitzer auch viel vorhersehbarer:
Erst mit zehn Jahren hat sich die Persönlichkeit des Pferdes vollständig entwickelt. Am Charakter ändert sich dann nichts mehr. Ältere Pferde haben in ihrem Leben schon einiges gesehen und erlebt, das bringt die Lebenserfahrung mit sich. Das trägt dazu bei, dass sie im Alter die Ruhe bewahren. Vor allem im Gelände ist das Reiten mit einem erfahrenen Pferd entspannt. Ein älteres Pferd nimmt ungewohnte Situationen deutlich gelassener hin, es ist einfach viel mehr gewohnt, als jüngere Artgenossen. Vor allem ängstliche Reiter und Reitanfänger sind daher mit einem älteren Pferd besser beraten: Sie verzeihen auch mal Reitfehler.

Ältere Pferde haben schon so mancher Nachwuchshoffnung den Einstieg in die Turnierreiterei geebnet: Sogar Profireiter schicken ihre Olympiapferde nicht sofort nach dem Abschied aus dem Spitzensport auf die Rentnerkoppel. So hat zum Beispiel Ingrid Klimke ihren FRH Butts Abraxxas an Tochter Greta übergeben, die mit ihm ihre ersten Erfolge in der Vielseitigkeit feiern konnte. Ältere Turnierpferde sind übrigens keinesfalls automatisch „verbraucht“: Vorausgesetzt, sie wurden stets korrekt gehalten, gepflegt, geritten und sind gesund, können sie noch einige Jahre in niedrigeren Klassen mitmischen.

Bei der Jungpferdeausbildung leisten ältere Pferde Hilfestellung von unschätzbarem Wert: Unerfahrene Pferde sind fremde Umgebungen oft nicht gewohnt, sie erschrecken leicht, manche nehmen sich ihren angeborenen Fluchtinstinkt zu häufig zu Nutze. In Begleitung eines Pferdeseniors werden junge Pferde deutlich entspannter. Die Ruhe des älteren Tiers überträgt sich auf das jüngere. Es merkt, dass alles doch nicht so schlimm ist und lernt, neue Dinge ohne Angst anzunehmen. Wenn der erfahrene Kumpel cool bleibt, dann ist das wohl doch alles nicht so schlimm.

Auch wenn ein Pferd mit 20 Jahren nicht mehr so leistungsfähig ist, wie vielleicht mit 12 Jahren, so kann der Besitzer mit ihm noch großen Spaß haben. Ein hartnäckiger Irrglaube ist, dass  das Pferd dann nicht mehr so viel Bewegung braucht. Es braucht nach wie vor etwas zu tun! Mit leichtem Training bleibt die Muskulatur erhalten, die Sehnen bleiben elastisch und die Gelenke gut geschmiert. Außerdem braucht auch der Kopf des Pferdes Arbeit, so bleibt es mental lange jung und frisch. Praktischer Nebeneffekt: Der Reiter lernt die unterschiedlichsten Trainingsmöglichkeiten kennen. Schnuppert wohlmöglich dank eines Rentnerpferdes erstmals in die Bodenarbeit hinein und erkennt deren wachsende Bedeutung in der Pferdeausbildung. Das führt dazu, dass er beim nächsten Pferd noch schlauer ist.